Die Schweiz will Veränderung - aber nicht um den Preis, das eigene Denken und Handeln aus der Hand zu geben. Das ist die stärkste Spannung, die ich aus der «Zukunftslandschaft Schweiz» lese und ein bemerkenswerter Ausgangspunkt für die Frage, was Bildung unter KI-Bedingungen leisten muss.
Ein irritierender Widerspruch
40 mögliche Zukünfte wurden von der Schweizer Bevölkerung auf einer Skala von +2 bis −2 bewertet. Gefragt wurde nicht nach ihrer Wahrscheinlichkeit, sondern: «Wie gut könntest du mit dieser Zukunft leben?»
Zwei Szenarien fallen mir dabei im direkten Vergleich besonders auf:
Bewusster Rückzug aus digitaler Dauerpräsenz und KI: Technik wird gezielt eingesetzt, direkte Begegnung und analoge Praxis gewinnen Raum.
Menschen entscheiden, KI führt aus: KI organisiert Routinen und bereitet Entscheidungen mit Analysen und Simulationen vor.
Das mag auf den ersten Blick widersprüchlich wirken: Im zweiten Szenario bleiben die Entscheidungen formal beim Menschen. Trotzdem wird es abgelehnt. Vielleicht, weil die entscheidende Verschiebung früher stattfindet: Wer strukturiert den Tag? Wer setzt die Optionen? Wer liefert die Grundlage, auf der entschieden wird?
Eine Entscheidung bleibt nicht allein deshalb menschlich, weil am Ende ein Mensch auf «bestätigen» klickt.
Was besonders gut ankommt
Die höchsten Zustimmungswerte erhalten keine spektakulären Technologiesprünge. Beliebt sind Zukünfte, die konkret, überschaubar und lebensnah wirken: florierende Natur durch bewussten Konsum (+1,60), saisonale und regionale Lebensmittelproduktion (+1,58), widerstandsfähige ökologische Kreisläufe (+1,57), kurze Wege und begrünte Siedlungen (+1,51). Das ist leicht nachvollziehbar.
Meine zugespitzte Lesart lautet: Evolution schlägt Revolution.
Gewünscht wird nicht Stillstand, sondern eine Transformation, die im Alltag verständlich bleibt und als gestaltbar erlebt wird.
Die Bildungsbilder erzählen dasselbe
Auch die drei Bildungsszenarien bilden eine klare Reihenfolge:
+1,19: klar strukturierte Bildungsinstitutionen mit individueller Entfaltung
+0,97: freies und ungezwungenes Lernen als gemeinschaftliche Alltagspraxis
+0,46: technologiegestützte, frei zugängliche und individualisierte Bildung
Am stärksten überzeugt ein Bildungssystem, das klare Strukturen, vertraute Bezugspersonen und individuelle Lernwege verbindet. Digitale Werkzeuge unterstützen im Hintergrund. Sie sind nicht das pädagogische Zentrum.
Das ist weder ein Votum gegen Technologie noch eine Rückkehr zur Schule von gestern. Es ist ein Hinweis darauf, dass Menschen Verlässlichkeit und Entfaltung nicht als Gegensätze verstehen. Gute Bildung braucht beides: Orientierung und Eigenständigkeit. Menschen und Werkzeuge.
Was das für Bildung mit KI bedeutet
Wenn KI Antworten formuliert, Optionen generiert, Prozesse strukturiert und Entscheidungen vorbereitet, reicht Bedienkompetenz nicht aus. Lernende müssen einen eigenen Massstab entwickeln, um Vorschläge prüfen, begrenzen und verantworten zu können.
Nicht die möglichst reibungslose Anpassung an KI ist der Bildungsauftrag. Entscheidend ist, dass Menschen auch unter KI-Bedingungen urteils- und handlungsfähig bleiben.
Dazu gehören fachliches und kulturelles Wissen, Quellenkritik, Metakognition und Selbstregulation. Ebenso wichtig sind Beziehung, Aushandlung, Werte und reale Erfahrung. Denn wer nie selbst gerungen, verworfen, entschieden und die Folgen getragen hat, kann kaum beurteilen, was sinnvoll an eine Maschine delegiert werden darf.
Generation AI
Hier trifft die Zukunftslandschaft auf meine Arbeitsthese: KI-Nativität beschreibt eine Sozialisationsbedingung – keine Kompetenz.
Mit KI aufzuwachsen, macht ihre Nutzung selbstverständlich. Es garantiert aber weder Urteilskraft noch Selbstregulation, Verantwortungsfähigkeit oder ein Verständnis der Systeme. Und es gibt schliesslich noch sehr viel mehr, als lediglich mit einer von vielen Kulturtechniken umzugehen.
Genau deshalb interessiert mich nicht nur, was junge Menschen mit KI tun können. Mich interessiert, was sie selbst wissen, können, erfahren und verantworten müssen, wenn KI dauerhaft Teil ihrer Welt ist. Aber nicht nur KI, sondern auch viel Anderes.
Was die Studie nicht beweist
Die Bewertungen sind keine Prognosen. Sie zeigen auch nicht, weshalb einzelne Personen zugestimmt oder abgelehnt haben. Jedes Szenario bündelt mehrere Merkmale; die Wirkung eines einzelnen Elements lässt sich daraus nicht isolieren. Aus der Ablehnung des KI-Szenarios folgt deshalb weder eine generelle KI-Skepsis noch ein fertiger Bildungsauftrag.
Die Studie liefert etwas anderes: einen Resonanzraum. Sie macht sichtbar, welche Zukünfte anschlussfähig wirken und wo Unbehagen entsteht. Daraus lassen sich bessere Fragen entwickeln – nicht vorschnelle Antworten.
Dieser Beitrag markiert einen Ausgangspunkt. Die Begriffe und Deutungen werden sich verändern, wenn Forschung, Praxisbeobachtungen und Gegenargumente dazukommen.